In diesem Jahr will die Bundesregierung dem elektronischen Rezept eine zweite Chance geben, nachdem die frühere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt im Jahr 2004 mit ihrem Plan für das E-Rezept gescheitert war. Nun sollen verschiedene Pilotprojekte mit unterschiedlichen Konzepten die praktische Anwendung testen.

Schon vor mehr als einem Jahrzehnt sollten die elektronische Patientenakte und das E-Rezept in Arztpraxen und Apotheken Einzug gehalten haben. Doch die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt konnte ihren Plan von einer flächendeckenden Telematikplattform nicht durchsetzen. In diesem Jahr will der aktuelle Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einen neuen Versuch starten, und die Chancen stehen gut, dass es diesmal klappen könnte, denn die Grundvoraussetzungen für eine Digitalisierung des Gesundheitswesens sind inzwischen vorhanden. So wurde beispielsweise mit dem neuen Digital-Versorgungsgesetz die telemedizinische Behandlung zugelassen. Die meisten Arzt- und Physiotherapiepraxen sind bereits an die Telematikinfrastruktur angeschlossen, alle Apotheken sollen bis zum 30. September 2020 folgen.

Gesetzliche Voraussetzungen geschaffen

Mitte August 2019 ist das Digital-Versorgungs-Gesetz in Kraft getreten, das für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung sorgen soll. Damit wurde die rechtliche Grundlage für die schrittweise Einführung des E-Rezepts gelegt. Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, können Ärzte ihren Patienten zukünftig per Videosprechstunde oder ,bei Wiederholungsrezepten Arzneimittel ausschließlich elektronisch verordnen. Bis zum 30. Juni 2020 sollte die gematik die technischen Voraussetzungen schaffen, die es Ärzten ermöglichen, bundesweit Verordnungen für verschreibungspflichtige Medikamente über die TI zu übermitteln. Die erste Version umfasst das klassische Arzneimittelrezept, in weiteren Schritten sollen das Betäubungsmittel- und das T-Rezept sowie das Grüne Rezept folgen.

Zwar liegen die benötigten Spezifikationen und Zulassungsverfahren für die flächendeckende Einführung des elektronischen Rezepts innerhalb der Telematikinfrastruktur noch nicht vor, dennoch gibt es bereits zahlreiche Pilotprojekte mit verschiedenen Konzepten. Das ist ganz im Sinne des Bundesgesundheitsministeriums, denn so können Erfahrungen gesammelt werden, die in die Spezifikation und zukünftigen Festlegungen der praktischen Prozesse und Komponenten einfließen können. Die gematik schaut sich die Pilotprojekte, deren Anzahl weit über 50 geschätzt wird, und die Versorgungssituationen in den Modellregionen für elektronische Anwendung genau an und möchte als Servicepartner der Industrie bei ihrer Arbeit an den Spezifikationen unterstützen.

Baden-Württemberg geht voran

Die Apotheken in Baden-Württemberg gelten mit ihrem Modellprojekt GERDA (Geschützter E-Rezept-Dienst der Apotheken) als Vorreiter für das elektronische Rezept Zunächst können 40 Teleärzte Patienten in den Regionen Stuttgart und Tübingen ein E-Rezept ausstellen. Diese erhalten das Rezept zusammen mit einem gesicherten Code über die Docdirect-App. Hier kann er sich das Rezept anschauen und es über GERDA an eine teilnehmende Apotheke senden, die sich für den Zugriff authentifizieren muss. Über die Chatfunktion teilt sie dem Patienten mit, ob und wann das Medikament verfügbar ist. Ein Botendienst liefert das Arzneimittel aus. Nachdem der Patient das Medikament erhalten hat, schickt die Apotheke die Abrechnung für die Krankenkasse über den Fachdienst verschlüsselt an das Rechenzentrum.

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg plant, das Projekt auf das gesamte Bundesland auszudehnen und Rezepte für Hilfsmittel in das Pilotprojekt einzubeziehen.

Bei Online-Apotheken wie bei Expressdoktor.com ist es aber schon heute möglich ganz bequem mit einem E-Rezept ein Medikament zu bestellen.

Ärzte sollen nicht verpflichtet werden

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat darauf hingewiesen, dass Ärzte nicht dazu verpflichtet werden sollen, ein E-Rezept auszustellen, sondern in Absprache mit dem Patienten die geeignete Rezeptform wählen können. Es ist jedoch absehbar, dass das elektronische Rezept die Papierversion auch ohne Verpflichtung in Zukunft ablösen wird. Dafür sind allerdings laut KBV einfache Prozesse notwendig, damit das Esstellen solcher Rezepte eine enorme Zeitersparnis für die Praxen mit sich bringt und dadurch für Ärzte attraktiver wird. Zudem könnte eine anwenderfreundliche elektronische Signatur, bei der sich der Mediziner nur einmal in das Praxissystem einloggen und dann mit einer PIN eine größere Menge an Dokumenten signieren kann, bürokratische Vorgänge erleichtern

Zudem wünschen sich Kritiker, dass ein ganzheitlicher Ansatz für das Zusammenspiel des elektronischen Rezepts mit anderen E-Health-‘Anwendungen wie der elektronischen Patientenakte in den Pilotprojekten mehr berücksichtigt werden würde. So sollte bei der Ausgabe eines Medikaments in der Apotheke der Medikationsplan automatisch aktualisiert werden. Ohne entsprechende Schnittstellen in der TI sei die Umsetzung der Pläne für eine ePA und eines E-Rezepts nicht sinnvoll, so der Vorsitzende der Siemens Betriebskrankenkasse Dr. Hans Unterhuber.